In der Chinesischen Medizin wirkt der Magen manchmal fast ein wenig nebensächlich. Schließlich ist er „nur“ ein Fu-Organ, das eng mit der Milz zusammenarbeitet. Seine Aufgabe? Nahrung aufnehmen, zersetzen und nach unten weiterleiten.
Dabei ist der Magen unglaublich kraftvoll – und gleichzeitig empfindlicher, als uns oft bewusst ist. Meist nehmen wir ihn als selbstverständlich hin, bis er sich irgendwann bemerkbar macht.
Wenn Leber-Qi den Magen attackiert, wird seine natürliche Bewegungsrichtung gestört. Was eigentlich absteigen sollte, steigt nach oben: Übelkeit, Aufstoßen oder Sodbrennen können die Folge sein. Manche Menschen müssen sich während einer Migräne übergeben, andere merken sofort an ihrer Verdauung, wenn sie unter Stress stehen.
Kälte im Magen kann Schmerzen verursachen, die durch Wärme besser werden, ein starkes Bedürfnis nach warmen Getränken auslösen oder sich durch krampfartige Verdauungsbeschwerden zeigen.
Und natürlich kennt auch der Magen das Gefühl von zu viel: zu viel Essen, zu viel Stress, zu viel Denken, zu wenig Ruhe.
Wie so oft im Leben schenken wir gerade den Dingen wenig Aufmerksamkeit, die Tag für Tag still und zuverlässig für uns arbeiten. Bis sie es irgendwann nicht mehr tun.
Wie zentral der Magen in der Chinesischen Medizin ist, zeigt sich auch in einem der bedeutendsten Punkte auf seinem Meridian:
Magen 36 – Zusanli.

Magen 36 liegt etwa 3 Cun – ungefähr vier Fingerbreit – unterhalb des Knies und eine Fingerbreite seitlich der vorderen Schienbeinkante.
Was spürst du?
Fühlt sich der Punkt hart oder angespannt an? Ist er druckempfindlich? Oder fühlt es sich an, als würdest du mit dem Finger in eine Leere sinken?
Drei weitere Li
Der chinesische Name von Magen 36 lautet Zusanli 足三里, meist übersetzt als „Drei Li am Bein“.
Für den Ursprung dieses Namens gibt es verschiedene Erklärungen. Eine der bekanntesten erzählt davon, dass die Stimulation des Punktes einem erschöpften Menschen noch genügend Kraft geben könne, um weitere drei Li zu gehen.
Dieses Bild beschreibt eine der wesentlichen Qualitäten von Zusanli sehr schön: Kraft zu finden, wenn die eigene Kraft nachlässt.
Magen 36 gehört zu den wichtigsten tonisierenden Punkten der Chinesischen Medizin. Er stärkt Qi und Blut, unterstützt Magen und Milz und wird besonders bei Schwäche, Erschöpfung und in der Rekonvaleszenz eingesetzt. Sein Einsatzgebiet ist so breit, dass Zusanli auch als „Punkt der hundert Krankheiten“ bezeichnet wird.
Doch Magen 36 nährt und stärkt nicht nur. Er kann auch Bewegung in eine Erde bringen, die schwer, träge oder geschwächt geworden ist.
Auf körperlicher Ebene begegnet uns das zum Beispiel als Müdigkeit, Schwere und Kraftlosigkeit. Auf einer anderen Ebene können wir ähnliche Qualitäten im Grübeln erkennen, in Gedanken, die sich immer wieder im Kreis drehen, oder in dem Gefühl festzustecken und nicht richtig vorwärtszukommen.
Fehlt der Erde Yang, verliert sie an Kraft zu transformieren, anzuheben und zu bewegen. Zusanli kann sie darin unterstützen, wieder in Bewegung zu kommen.
Bei einem Punkt, der so stark tonisiert und neue Kraft geben kann, lohnt es sich aber auch, einen Schritt weiterzudenken:
Wofür wird diese Kraft eigentlich eingesetzt?
Wie gehst du deine nächsten drei Li?
Das alte Bild von Zusanli, das einem erschöpften Menschen die Kraft für weitere drei Li geben soll, wirft für mich noch andere Fragen auf.
Nicht als weitere Indikationen des Punktes, sondern als Gedanken, die wir in die Arbeit mit ihm mitnehmen können – wenn wir Magen 36 selbst halten genauso wie in der therapeutischen Praxis.
Musst du diese drei Li überhaupt gehen?
Wenn wir erschöpft sind, unsere Kräfte aufgebraucht haben oder schon lange über unsere Grenzen gehen, ist mehr Kraft zum Weitermachen nicht automatisch das, was wir brauchen.
Manchmal sind wir müde, weil wir müde sein sollten. Der Körper fordert uns auf anzuhalten, zu essen, zu schlafen und uns zu erholen.
Gerade bei einem so stark tonisierenden Punkt lohnt es sich deshalb, genau hinzusehen. Wenn jedes bisschen neu gewonnene Kraft sofort dafür verwendet wird, die nächsten drei Li zu schaffen, füllen wir womöglich immer wieder in einen Topf ohne Boden. Statt uns wirklich aufzubauen, greifen wir langfristig immer tiefer auf die Reserven zurück, die in der Chinesischen Medizin mit den Nieren verbunden sind.
Das können wir im Hinterkopf behalten, wenn wir Magen 36 bei anderen behandeln – genauso wie dann, wenn wir den Punkt selbst halten:
Was stärke ich hier gerade, und was geschieht anschließend mit dieser Kraft?

Hilft sie mir, mich wirklich wieder aufzubauen? Oder nutze ich sie, um noch ein Stück weiterzugehen, obwohl mein Körper längst nach einer Pause verlangt?
Manchmal braucht ein anderes Muster unsere Aufmerksamkeit. Und manchmal brauchen wir tatsächlich genau diese Kraft, um die nächsten drei Li zu gehen.
Dann stellt sich eine zweite Frage.
Wenn du weitergehst – wie möchtest du gehen?
Wenn wir die Kraft brauchen, um weiterzugehen, geht es nicht nur darum, dass wir diese nächsten drei Li schaffen. Wir können uns auch fragen, wie wir sie gehen möchten.
Gehe ich in Eile, während meine Gedanken längst zehn Schritte weiter sind? Trage ich neben meinen eigenen Aufgaben und Bedürfnissen auch noch die aller anderen mit mir herum? Oder spüre ich den Boden unter meinen Füßen und nehme wahr, wo ich gerade stehe, was ich brauche und wie viel ich tatsächlich tragen kann?
Zusanli gehört zum Erdelement. Erde gibt uns Boden und Mitte. Sie ermöglicht Bewegung, ohne dass wir dabei unsere eigene Mitte verlieren müssen.
So können wir beim Halten des Punktes neben dem Wunsch nach neuer Kraft auch eine Intention mitnehmen:
Wie möchte ich mit dieser Kraft weitergehen?
Nicht einfach nur weiter. Sondern mit einem Gefühl dafür, wo ich stehe und was ich auf meinem Weg tatsächlich tragen möchte.
Und wann ist es Zeit für eine Pause?
Auch das gehört für mich zu diesem Bild.
Neue Kraft muss nicht sofort wieder in mehr Arbeit, mehr Bewegung oder die nächsten drei Li fließen. Es braucht auch Zeiten, in denen wir auffüllen, was wir verbraucht haben. Zeiten, in denen der Körper empfangen darf, anstatt immer weiter leisten zu müssen.
So wird die Geschichte von Zusanli zu mehr als einer Erzählung über Ausdauer. Sie gibt uns drei Fragen mit auf den Weg:
Muss ich diese drei Li überhaupt gehen?
Wenn ja, wie möchte ich sie gehen?
Und wann ist es Zeit, anzuhalten und mich zu erholen?
Das sind keine festen Indikationen für Magen 36. Es sind Gedanken, die wir in die Arbeit mit diesem Punkt mitnehmen können – wenn wir ihn selbst halten genauso wie in der therapeutischen Praxis.
Denn nur weil wir die Kraft haben, weitere drei Li zu gehen, heißt das nicht, dass wir sie immer gehen müssen.
So kannst du selbst mit Magen 36 arbeiten
Magen 36 lässt sich auch gut in den Alltag integrieren. Du kannst den Punkt einige Minuten mit dem Finger halten oder sanft massieren. Je nach Muster kann auch Wärme – zum Beispiel mit Moxa – passend sein.
Eine weitere Möglichkeit sind kleine Goldkügelchen, die auf dem Punkt befestigt werden und dort über längere Zeit einen sanften Reiz setzen. Auch ein passendes ätherisches Öl kann die Arbeit mit Magen 36 begleiten.
Diesen August: Magen, Milz und deine Mitte
Im August dreht sich in der DaoSense Mitgliedschaft alles um Magen, Milz und unsere Mitte – mit Ernährung und Rezepten, Qi Gong, Akupressur, Meditation und Sound Healing.
Chinesische Medizin, die praktisch und im Alltag erfahrbar wird.
Du möchtest dich zu einem anderen Zeitpunkt intensiver mit Magen und Milz beschäftigen? Das ausführliche Milz-Workbook findest du jederzeit im Shop.