Eine Reise in die uralten Teeberge Yunnans
Vor Kurzem reiste ich in den äußersten Süden der chinesischen Provinz Yunnan – die Heimat des Pu’er-Tees und eine der bedeutendsten Teeregionen der Welt. Dort liegt Xishuangbanna, eine Landschaft, die sich von kaum einem anderen Ort in China vergleichen lässt.
An der Grenze zu Laos und Myanmar erstrecken sich tropische Wälder, eine außergewöhnliche Artenvielfalt und uralte Teeberge. Fast die Hälfte aller bekannten essbaren Pilzarten der Welt ist hier beheimatet, ebenso wilde Elefanten und zahlreiche ethnische Minderheiten, die ihre Traditionen bis heute bewahrt haben.
Die Luft ist warm und erfüllt vom Duft der Vegetation, Bananenstauden säumen die Straßen, und Nebelschwaden ziehen durch Wälder, in denen manche Teebäume bereits seit über tausend Jahren wachsen.
Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass Tee hier weit mehr ist als ein Getränk. Teekultur, Heilpflanzenwissen, Ernährung, Rituale und Gemeinschaft gehören ganz selbstverständlich zusammen und prägen den Alltag. Gleichzeitig spürt man an vielen Orten eine tiefe Verbundenheit der Menschen mit ihrer Geschichte, ihrem Land und ihrem über Generationen weitergegebenen Wissen.
Ich kam nach Yunnan, um den Ursprüngen des Pu’er-Tees nachzugehen und die Menschen kennenzulernen, die diese alten Teewälder seit Jahrhunderten pflegen.
Am meisten beeindruckten mich dabei nicht die Teeblätter selbst, sondern die Familien, die seit Generationen mit diesen Bäumen leben.
Eine Hani-Familie führte uns durch ihre Teegärten und ihre kleine Produktion und zeigte jeden einzelnen Schritt der Herstellung – von der Ernte der frischen Blätter über die Verarbeitung und Fermentation bis hin zum Pressen der charakteristischen Teefladen. Der bewegendste Moment kam jedoch, als sie die Türen ihres Ahnenhauses für uns öffneten.
Zwischen Teebäumen, die seit mehr als achthundert Jahren wachsen, gemeinsamen Mahlzeiten und Geschichten, die seit Generationen weitergegeben werden, wurde klar, dass Tee hier Kultur, Medizin, Geschichte und gelebte Verbindung zugleich ist. Unter diesen alten Bäumen beginnt man zu verstehen, weshalb Tee in China einen so besonderen Stellenwert besitzt.
Was Xishuangbanna so außergewöhnlich macht, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Es sind nicht allein die beeindruckenden Landschaften oder die uralten Bäume. Es ist das Gefühl, dass das Wissen des Landes noch lebendig ist. Die Verbindung zwischen Pflanzen und Menschen, zwischen Nahrung und Medizin sowie zwischen den Vorfahren und dem heutigen Leben ist überall spürbar.
Tee – eines der ältesten Heilmittel der Menschheit
„Tee ist nicht einfach nur ein Getränk. Er gehört zu den ältesten Heilmitteln der Menschheit.“
Seit Jahrtausenden nimmt Tee in der chinesischen Medizin eine besondere Stellung ein. Eine der frühesten Überlieferungen führt auf den legendären Kaiser und Kräuterkundigen Shen Nong (神农) zurück, der den Erzählungen zufolge Tee entdeckte, während er Heilpflanzen erforschte.
Ein bekanntes chinesisches Sprichwort lautet:
神农尝百草,日遇七十二毒,得茶而解之。
„Shen Nong kostete Hunderte von Kräutern und begegnete an einem einzigen Tag zweiundsiebzig Giften – doch der Tee löste sie alle auf.“
Lange bevor Tee weltweit als Genussmittel bekannt wurde, schätzte man ihn wegen seiner Fähigkeit, Hitze zu klären, die Verdauung zu unterstützen, den Geist zu beleben und ein langes Leben zu fördern.
Warum Tee als Medizin galt
In der Chinesischen Medizin besitzt jede Teesorte ihre eigene energetische Qualität, ihren eigenen Geschmack und ihre eigenen Wirkungen.
Manche Tees kühlen den Körper und klären innere Hitze.
Andere wärmen die Verdauung und stärken das Yang.
Wieder andere unterstützen die Ausleitung, beruhigen den Geist oder nähren das Yin.
Aus diesem Verständnis entstand ein weiteres bekanntes Sprichwort:
一年茶,三年药,七年宝。
„Ein Jahr alter Tee ist Tee, drei Jahre alter Tee ist Medizin, sieben Jahre alter Tee ist ein Schatz.“
Vor allem für gereiften Weißtee und bestimmte gelagerte Tees verwendet, beschreibt dieser Satz die Vorstellung, dass Tee mit den Jahren an Tiefe gewinnt. Durch natürliche Reifung und Fermentation verändert sich sein Charakter, wird ausgewogener und entwickelt seine besonderen Qualitäten immer weiter.
Die sechs großen Teefamilien Chinas
Traditionell werden chinesische Tees in sechs Hauptkategorien eingeteilt:
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Grüner Tee (绿茶)
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Gelber Tee (黄茶)
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Oolong-Tee (乌龙茶)
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Roter Tee (红茶, im Westen meist als Schwarztee bezeichnet)
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Dunkler Tee (黑茶)
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Weißer Tee (白茶)
Pu’er nimmt innerhalb dieser Einteilung eine besondere Stellung ein. Je nach Verarbeitung und Reifung kann er Eigenschaften verschiedener Teefamilien annehmen. In Yunnan begegnet man mehreren Varianten, die sich sowohl geschmacklich als auch in ihrer traditionellen Verwendung unterscheiden.
Junger Sheng Pu’er (grüner Pu’er) erinnert an grünen Tee: frisch, lebendig und leicht bitter. Traditionell wird er eingesetzt, um Hitze zu klären und den Stoffwechsel zu unterstützen.
Gereifter Sheng Pu’er entwickelt über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg ein weicheres, runderes und süßlicheres Aroma und wirkt deutlich erdender.
Shou Pu’er (gereifter oder fermentierter Pu’er) erhält durch kontrollierte Fermentation seinen tiefen, erdigen Geschmack und seine wärmende Natur. Besonders geschätzt wird er zur Unterstützung der Verdauung und des Magens.
Pu’er-Weißtee ist eine weniger bekannte Spezialität aus Yunnan. Er gilt als besonders sanft und elegant und wird traditionell mit Hautgesundheit, guter Hydration und gesundem Altern in Verbindung gebracht.
Die Poesie des Pu’er-Tees
Unter Teeliebhabern gibt es ein schönes Sprichwort: Pu’er sei der Tee, der den Duft der geliebten Person in sich trage.
Schon die alten chinesischen Dichter beschrieben Tee nicht nur als Getränk, sondern als Begleiter für stille Momente, Meditation, Gespräche und geistige Kultivierung. Gelehrte, Mönche, Reisende und Ärzte teilten eine Kanne Tee ebenso selbstverständlich wie Gedanken und Gedichte.
Im Gegensatz zu vielen modernen Produkten, die auf absolute Kontrolle und Gleichförmigkeit ausgelegt sind, entstand Pu’er aus dem Zusammenspiel von Mensch, Bergen, Klima und Zeit. Seine Geschichte erzählt von Geduld, Wandel und der engen Beziehung zwischen Natur und Kultur.
Nicht jeder Tee passt zu jedem Menschen
Eines der grundlegenden Prinzipien der Chinesischen Medizin lautet, dass es kein universelles Heilmittel gibt. Was dem einen Menschen guttut, muss für den anderen keineswegs passend sein.
Menschen mit ausgeprägter innerer Hitze profitieren häufig von kühlenden Tees wie jungem Sheng Pu’er oder grünem Tee. Wer dagegen unter Kälte im Verdauungssystem, Müdigkeit oder Zeichen eines Yang-Mangels leidet, greift traditionell eher zu wärmenden Sorten wie gereiftem Sheng Pu’er, Shou Pu’er oder stärker gerösteten Oolong-Tees.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welcher Tee ist der gesündeste? Viel wichtiger ist: Welcher Tee passt zu diesem Menschen – in diesem Moment?
Die Antwort hängt von der individuellen Konstitution, dem aktuellen Gleichgewicht im Körper und sogar von der jeweiligen Jahreszeit ab.
Über Nanjing
Nanjing lebt und arbeitet in China und ist Sound-Healerin und Begleiterin kultureller und kulinarischer Reisen. Sie ist ausgebildet in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Als Teil des DaoSense-Teams teilt sie Geschichten, Einblicke und Klangaufnahmen direkt aus den Regionen, in denen traditionelle Teekultur und daoistische Praktiken bis heute lebendig sind.
Innerhalb der DaoSense-Mitgliedschaft gestaltet Nanjing jeden Monat eine Sound Healing Journey, die auf das jeweilige Element der Chinesischen Medizin abgestimmt ist. Inspiriert von den Klängen, der Philosophie und den Traditionen des chinesischen Daoismus entstehen meditative Klangräume, die dazu einladen, die Themen des Monats auf einer tieferen Ebene zu erleben und zu erforschen.
Darüber hinaus begleitet sie ausgewählte Tee- und Kulturreisen durch Yunnan. Im Mittelpunkt stehen Begegnungen mit lokalen Familien, uralten Teewäldern und den lebendigen Traditionen einer Region, in der Tee, Medizin und Alltag seit Jahrhunderten eng miteinander verwoben sind. Informationen zu kommenden Reisen werden über den DaoSense-Newsletter bekannt gegeben.